2.2.1.2. Inhaltlich formale Arbeitsbedingungen

Zwar geht es bei dieser Arbeit nicht um die Interpretation des Inhalts einzelner Karikaturen, aber dennoch scheint es mir notwendig, einige der formalen Aspekte des Inhalts zu beleuchten, wirken diese doch ganz entscheidend auf die Arbeit des Zeichners ein. Dabei muß zunächst einmal festgestellt werden, daß es für das Zeichnen von Karikaturen keine geregelte Ausbildung gibt. Folgerichtig haben sich sämtliche Karikaturisten, die meinen Fragebogen ausgefüllt haben, die Fähigkeit zum Karikaturenzeichnen selbst beigebracht. Lediglich sechs von ihnen weisen darauf hin, daß sie im Rahmen ihres (Grafik-)Studiums dem Thema Karikatur begegnet sind. Diese Ergebnisse bestätigen die Aussage Sailers, daß das Witzemachen nicht nach irgendeinem Schema zu erlernen sei. „Voraussetzung dazu ist und bleibt eine angeborene Begabung. Ebensowenig ist das Karikaturenzeichnen zu erlernen, wenn kein echtes Talent dazu vorhanden ist.“ Neben dem zeichnerischen Talent scheint Satire außerdem laut Erhardt „ein gesellschaftlich und kulturell bedingtes und geschichtlich gewachsenes Vorverständnis“ und laut Schneider „das lebendige Wissen tagespolitischer Fakten“ vorauszusetzen. Dovifat zitiert Schweitzer-Mjölnir, der die Ansicht vertritt, daß ein unpolitischer Zeichner sich nicht an politischen Karikaturen versuchen solle. Eine andere Meinung hat Lehmann, der auf den britischen Künstler Sir David Alexander Cecil Low verweist, der meint, daß politische Zeichner keine weltanschaulichen Bindungen haben sollten.

Die meiner Ansicht nach wichtigsten der formalen Aspekte sind jedoch das persönliche Umfeld und das eigene Leben des Karikaturisten als Mitglied der Gesellschaft auf der einen und das des Betrachters auf der anderen Seite – vor allem von Sozialwissenschaftlern Sozialisation genannt. So gilt sicherlich das, was Weischenberg mit Bezug auf den wissenschaftlichen Essay „Milieu und Mentalität im Journalismus“ des US-amerikanischen Historikers Robert Darnton über Journalisten im allgemeinen sagt, auch für Karikaturisten im speziellen: „Er hebt dabei hervor ... in welch starkem Maße die Geschichten, welche Journalisten erzählen, vom Milieu geprägt sind, in dem sie arbeiten. Einflußpersonen und -instanzen seien im Bewußtsein der Journalisten ständig präsent, berufliche Sozialisation sorge für Standardisierungen und Stereotypisierungen, die über Generationen von Reportern weitervermittelt würden.“ Und Reumann meint: „Im allgemeinen liest, hört, sieht man, was den eigenen Erfahrungen, den eigenen Einstellungen entspricht. Was dagegen verstößt, nimmt man in der Regel gar nicht erst wahr. Die Wirkung journalistischer Appelle besteht dementsprechend darin, vorhandene Einstellungen zu festigen.“ Die subjektive Herangehensweise an eine Karikatur gilt aber nicht nur für den Produzenten, sondern auch für den Rezipienten, der somit ebenfalls Einfluß auf die inhaltliche Ausgestaltung einer Karikatur hat. Schneider schreibt: „Der Karikaturist darf also bei den Situationstravestien seinen historischen, literarischen, ethnografischen usw. Kenntnissen keineswegs freien Lauf lassen, sondern muß sich auf das begrenzen, was er vom Allgemeinwissen seines Publikums für rückübersetzbar erwarten darf. Die Summe aller Situationstravestien und Verfremdungselemente ergibt jenen Wissenschatz, den so publikumserfahrene Menschen wie Karikaturisten bei der Intelligenzschicht unserer Gesellschaft als Gemeingut erwarten.“

Und an anderer Stelle heißt es: „Der verfremdbare Schatz an Allgemeinwissen einer Gesellschaft ist für alle Karikaturisten ziemlich homogen und wenig variierbar. Karikaturisten haben es in einer politischen Kultur immer dann schwer, wenn der als Allgemeingut präsente Schatz an Literaturzitaten, Gedichten, Volksliedern und an Figurenkenntnis aus Religion und Sage, aus Geschichte und Märchen abnimmt.“ Heinisch weist ebenfalls auf die Problematik der Sozialisation hin: „Wie groß der Grad der Übereinstimmung in der Lesart ist, wie groß der Grad der Kommunizierbarkeit überhaupt ist, liegt am Code, der die Bedeutungen im Zuge der Sozialisation des Individuums festschreibt und durchaus kultur- und schichtspezifisch ist. ... Das heißt, uns sind etwa mittel-alterliche Tafelbilder rein intuitiv nicht mehr in derselben Weise zugänglich, wie den Zeitgenossen, weil sich unser Code geändert hat, weil wir einfach anders wahrnehmen.“ Uppendahl stellt fest, daß „Zeichen jeweils nur die Bedeutung haben können, die ein Mensch nach seinen individuellen Erfahrungen in sie hineinlegen kann.“ Der Problematik von Sozialisation und Decodierung widmet sich auch Grünewald, der feststellt: „Die Identifizierbarkeit visueller Zeichen ist also nicht allein eine Frage der bildnerischen Darstellung. Sie hängt ebenso vom Rezipienten ab, d. h. von seinem Vorrat an Bildinformationen im Gedächtnis wie von seinem Vermögen, durch Vergleiche und Schlußfolgerungen aus einer bestimmten Kontextverwendung Inhaltsbezüge herzustellen. Auch ein eindeutig zu identifizierendes Zeichen, z. B. ein Bierglas, vermittelt nicht für jeden Betrachter eine gleiche Information. Die allgemeine Zuordnung ,Bierglas‘, die der Betrachter leisten kann, weil er entweder Biergläser kennt oder Abbildungen von Biergläsern gesehen hat oder aus dem weiteren Kontext schließen kann, daß es sich um ein Bierglas handelt, löst wiederum Assoziationen aus, die subjektiv sehr unterschiedlich sein können. ... D. h., je nach persönlicher Situation, beeinflußt durch Beruf, Weltanschauung, internalisierten Wertvorstellungen, guten und schlechten Erfahrungen usw., wird ein Betrachter eine Bildinformation unterschiedlich deuten. Eine allzeit allgemeingültige Deutung eines Bildes gibt es nicht. Die Karikatur, deren primäres Interesse ein aktuelles ist, d. h. sie will eine bestimmte Zielgruppe einer bestimmten Zeit ansprechen, z. B. die Leser einer bestimmten Tageszeitung, muß daher, will sie möglichst eindeutig verstanden werden, mit einem Zeichenmaterial arbeiten, das dieser intendierten Zielgruppe allgemein präsent ist und auf denotativer Ebene ... wie durch einen eindeutigen Kontext auf konnotativer Ebene ... weitgehend decodiert werden kann.“

Schließlich vertritt Czaplicka die Meinung, daß eine Satire von zwei Voraussetzungen abhänge: „Erstens muß ihr Realitätsbezug für das Zielpublikum leicht zu erfassen sein. Zweitens muß ein ,Normenkonsens‘ zwischen dem Satiriker und seinem Publikum existieren (,common sens‘ oder Vernunft), worauf der Künstler sich berufen kann, um die Verwerflichkeit des von ihm behandelten Gegenstandes zu demonstrieren.“ [An- und Abführungen sowie Klammern im Original, hepä]