Exkurs 4: Das Bild des Journalisten in der Karikatur

Im Verlauf dieser Arbeit habe ich mehrfach auf die Erkenntnisse Schneiders verwiesen, der festgestellt hat, daß sich das Bild des Unternehmers seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bis heute kaum verändert hat und daß Karikaturisten damals wie heute nahezu identische Symbole in ihren Zeichnungen benutzen, um den Typus des Unternehmers darzustellen – von denen einige heutzutage extrem veraltet und insbesondere bei jüngeren Betrachtern nicht mehr bekannt sind. Weiterentwicklungen, sowohl hinsichtlich der bildlichen Symbolik als auch bei der Einarbeitung eines neuen gesellschaftlichen Bildes des Unternehmers, sind dagegen kaum festzustellen.

Doch nicht nur der Typus bzw. der Beruf des Unternehmers ist in den vergangenen Jahrzehnten zum Untersuchungsgegenstand von Karikaturenforschern oder zum Mittelpunkt von Buch-autoren geworden. Im Anhang findet sich eine ergänzende Liste mit Literatur, die von mir unter dem Stichwort „… in der Karikatur“ zusammengestellt wurde. Dort ist ersichtlich, daß nicht nur der Unternehmer, sondern auch andere Berufe entweder einzeln (der Arzt, Psychoanalytiker etc.) oder als Teil einer Gruppe/Institution (die Polizei, die Medizin, das Militär etc.) karikiert werden, ebenso wie konkrete Personen (Bismarck, Adenauer, Ollenhauer etc.), gesellschaftliche Gruppen (der Deutsche, die Juden, das Weib etc.), Gegenstände oder technische Entwicklungen (das Auto, die Telekommunikation etc.), eine Stadt (Nürnberg), Zeitabschnitte (die 80er Jahre, das Jahr 1991 etc.) oder (theoretische) Gebilde (Despotie, Mitbestimmung, häusliche Bande etc.).

Im Kontext dieser Arbeit lag es daher nahe, auch das karikaturistische Bild zu untersuchen, das von Journalisten gezeigt wird. Hier lohnt es sich, eine Reihe von Fragestellungen einer eingehenderen Betrachtung zu unterziehen (siehe dazu auch Kapitel 1): Gibt es überhaupt Karikaturen, in denen Journalisten zu finden sind oder ist diese Berufsgruppe für Karikaturisten tabu? Welche Symbole benutzen Karikaturisten zur Darstellung dieser Berufsgruppe? Haben sich diese verändert, oder werden Journalisten ebenso wie Unternehmer in statischer, d. h. über Jahrzehnte wiederholter Art und Weise gezeichnet? Fließen überhaupt und wenn ja, wann, Entwicklungen, die den Beruf des Journalisten in wesentlicher Weise beeinflussen, in die Zeichnungen ein? Welche Themen werden im Zusammenhang mit Journalisten aufgegriffen? Decken sich das Fremdbild (des Karikaturisten) und das Selbstbild (des Journalisten), wenn letzgenannter seine gesellschaftliche Bedeutung und Funktion mit selbstgewählten Bezeichnungen wie „vierte Gewalt“ charakterisiert? Werden journalistische Positiv- (Aufdeckung von Skandalen, Affären etc.) oder Negativleistungen (Scheckbuchjournalismus, Eingriff in Privat- und Intimsphäre der Menschen etc.) aufgegriffen?

Trotz der genannten Vielzahl und Bandbreite karikaturistischer Werke habe ich keines gefunden, das sich unter einem denkbaren (oder ähnlichen) Titel wie „Der Journalist in der Karikatur“ mit dieser Thematik auseinandersetzt. Zwar sind Journalisten, tatsächliche wie fiktive, immer wieder zum Thema verschiedener Autoren geworden, aber bei diesen Publikationen handelt es sich in der Regel um Biographien bzw. Autobiographien oder um Werke, die die (eigene) Arbeit von Journalisten aus unterschiedlicher Sichtweise beleuchten. Keines der mir zur Verfügung stehenden Werke ging jedoch unter karikaturistischen Gesichtspunkten an das Thema heran. Meine Recherchen in den Datenbanken verschiedenster Universitätsbibliotheken, Antiquariate, Buchversender und Literaturverzeichnisse blieb hier ebenfalls erfolglos. Ich gehe deshalb davon aus, mit meiner Untersuchung Neuland zu betreten. Diese Tatsache bestätigt die am Anfang dieser Arbeit gemachte Aussage, das Thema reiche alleine für eine Dissertation. In dieser wäre zum Beispiel zu untersuchen, warum keine (oder wenig) Werke zu diesem Thema existieren bzw. warum sich offensichtlich so wenige Karikaturisten mit dem Thema auseinandersetzen, daß sich bislang noch niemand dazu berufen fühlte, ein entsprechendes Buch zu veröffentlichen. So versetzt mich die Nichtexistenz derartiger Werke in die Lage, bereits mit einem Exkurs neue Erkenntnisse darstellen zu können. Sie mögen anderen Autoren als Anregung für weitergehende Forschungen dienen.

Grundlage der folgenden Seiten bilden die Jahrgänge 1993 bis 2006 des vom Deutschen Journalisten-Verband herausgegebenen Magazins „journalist“. In den in diesem Zeitraum erschienenen 156 Ausgaben wurden mehrere hundert Karikaturen veröffentlicht. Darunter befanden sich über 180 Karikaturen, in denen ein (oder mehrere) Journalist/en bzw. die Berufsgruppe (die beispielsweise durch die Aufschrift „Presse“ gekennzeichnet werden kann) eindeutig identifizierbar waren. Die übrigen beschäftigten sich beispielsweise mit Themen wie Altersvorsorge, Angst vor Arbeitsplatzverlust, Rechts-, politischen und sozialen Fragen, gesellschaftlichen Umbrüchen, Vorruhestands- und Gesundheitsthemen oder das Verhältnis des Verlages zu seinen Mitarbeitern. Die in diesen Zeichnungen dargestellten Personen waren aber nicht eindeutig als typische Vertreter der Berufsgruppe des Journalisten zu identifizieren, sondern konnten ebenso die nicht-redaktionellen Mitarbeiter der Verlage als auch alle anderen in einem Arbeitsverhältnis stehenden Menschen in Deutschland repräsentieren. Diese Karikaturen konnten deshalb unbeachtet bleiben. Aus der infrage kommenden Menge habe ich 168 Karikaturen, die mir für mein Vorhaben geeignet erschienen, ausgewählt, die als Basis für meine Analyse dienen. Die folgenden Seiten werden anhand beispielhaft ausgewählter Zeichnungen zeigen, daß diese Menge ausreicht, um konkrete Aussagen über das (aktuelle) Bild des Journalisten in Karikaturen und die Entwicklung dieses Bildes machen zu können.
Aufgrund des vorliegenden Materials bietet sich eine Unterteilung in formale und inhaltliche Aspekte an. Ein allgemein formaler Aspekt, der sich nicht mit den einzelnen Karikaturen selbst befaßt, sondern mit ihrem Gebrauch im „journalist“, ist die in dieser Arbeit schon mehrfach gestellte Frage, ob Karikaturen eine schwarzweiße oder eine farbige Darstellungsform sind? Dazu einige Zahlen: Im von mir untersuchten Zeitraum wurden im „journalist“ 99 farbige Karikaturen veröffentlicht, die erste davon (und vermutlich die erste farbige Karikatur im „journalist“ überhaupt) erschien im September 1996, rund ein Jahr, nachdem der redaktionelle Teil des Magazins durchgängig in Farbe erschien. Bis 1995 wurde der redaktionelle Teil in der Regel schwarzweiß gedruckt, und Farbe war Anzeigenseiten und in seltenen Fällen auch einzelnen redaktionellen Beiträgen vorbehalten.