2.1.4.2. Karikatur als journalistisches Genre?
Verschiedene Standpunkte
Bei der Diskussion über Karikaturen im Journalismus lassen sich vier Standpunkte ausmachen: Der erste vertritt die Ansicht, Karikaturen seien selbstverständlich ein journalistisches Genre. Vertreter dieser Meinung nennen Karikaturen auch „gezeichneter Kommentar“ oder „bildgewordener Leitartikel“, machen die Zugehörigkeit von Karikaturen zum Journalismus an formalen und inhaltlichen Kriterien fest und greifen bei der Argumentation auch auf die beabsichtigte Wirkung von Karikaturen zurück. Diesem Standpunkt steht der zweite gegenüber, für den Karikaturen eine (in der Rangliste künstlerischer Tätigkeiten weit unten angesiedelte) Ausdrucksform der bildenden Kunst sind. Zeitungen und andere Presseerzeugnisse dienen hier lediglich als Transportmedium, mit dessen Hilfe der Künstler die Rezipienten seiner Werke über gut organisierte Vertriebswege erreicht. Standpunkt drei vereint die beiden gegensätzlichen Pole: Zeichner setzen ihr Können ein, um als Mitglied einer Redaktion mit ihren Mitteln einen journalistischen Beitrag zu erbringen oder profitieren von ihrer Arbeit als Journalist, indem sie Wissen erhalten, das sie zur Umsetzung von Ideen und Themen in Form einer Karikatur inspiriert. In diesen Bereich ist auch die Ansicht einzuordnen, daß Karikaturisten weder in die eine noch in die andere Schublade passen, sondern daß sie in erster Linie Zeichner sind, deren Rolle und Funktion aber dadurch beeinflußt wird und davon abhängt, wo ihre Arbeiten zu sehen sind. Geschieht dies beispielsweise im Rahmen einer Aussellung im Kunstmuseum, haben sie die Rolle eines bildenden Künstlers inne, werden ihre Arbeiten in der Presse publiziert, schlüpfen sie in die Rolle eines Journalisten. Vertreter des Standpunktes vier schließlich haben eine klare Meinung zu Aufgaben, Funktionen und/oder Wirkungen von Karikaturisten/Karikaturen, legen sich aber nicht fest, zu welcher Berufsgruppe die Autoren zu zählen sind und in welches Genre ihre Werke gehören. Hier tauchen Formulierungen wie „Ein Genre für Spötter des Zeitgeistes“ auf.
Im folgenden gebe ich auf der Grundlage der von mir benutzten Literatur einen Überblick über verschiedene Standpunkte, die in Wissenschaft und Öffentlichkeit vertreten werden. Ich greife hier zum einen auf Zitate zurück, in denen sich die Einordnung wörtlich findet bzw. deren Interpretation meiner Ansicht nach die entsprechende Einordnung zuläßt. Auffällig ist dabei, daß einzelne Autoren, je nach dem Zusammenhang, in dem sie sich äußern, verschiedene, manchmal konträre Standpunkte vertreten. Dies mag als Indiz dafür gewertet werden, wie schwierig die Einordnung der Karikatur und ihre Unterscheidung von ähnlichen Darstellungsformen aufgrund ihrer unscharfen Grenzen und ihres Einsatzzweckes unter einen Oberbegriff fallen. Die Schwierigkeit der Abgrenzung hat ihre Ursache möglicherweise auch in der Sprache, die zwischen den verschiedenen Formen nicht genug differenziert. Auf dieses Problem weist Timm hin, die in ihrem Buch über den Pressezeichner Fritz Koch-Gotha feststellt, daß man diesen gegen seinen ausdrücklichen Willen schon allein deswegen als Karikaturist bezeichnet, „weil das Deutsche keinen besonderen Ausdruck für die bildliche, nicht satirische komische Darstellung besitzt.“
• Standpunkt eins: Karikaturen sind Journalismus. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrachtete Kahn Karikaturisten als Journalisten, dies allerdings nicht aufgrund ihrer Tätigkeit, sondern wegen der formalen Tatsache, daß Karikaturen ein von der Leserschaft erwarteter Bestandteil eines Presseerzeugnisses und Karikaturisten Mitglieder des produzierenden Mitarbeiterstammes waren:
„Da kommt aber die wirtschaftliche Seite der Sache mit in Betracht. Die illustrierten Journale haben sich infolge der politischen Krisen gar bedeutend vermehrt. Die industrielle Technik hat in solchem Maß neue Mittel der Vervielfältigung von Zeichnungen erfunden, daß es dem Publikum zur Gewohnheit geworden ist, die humoristischen Blätter immerfort durchzufliegen. Diese nun einmal vorhandenen Journale müssen für das stetig zunehmende Lesepublikum ihre tägliche Nahrung haben. Daher rührt die enorme Zunahme der Zahl der Karikaturen.“
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