2.1.4.1. Die Geschichte der Karikatur in der Zeitung

Nachdem sich die künstlerischen (Entwicklung der Karikatur) und technischen Möglichkeiten (Druckverfahren) weiterentwickelt hatten und auch die formalen Bedingungen (Vorhandensein von Maschinen, Papier, Druckfarben, Nachrichtenwesen, Distribution etc.) erfüllt waren, war es nur eine Frage der Zeit, wann Karikaturen zu einem Bestandteil der Zeitung würden. Daß dies irgendwann geschehen ist, zeigt die Tatsache, daß Karikaturen heute in Zeitungen zu finden sind. Fest steht, daß die ersten Zeitungen lediglich aus aneinandergereihtem, mehr oder weniger geordnetem Text bestanden. Fest steht ebenso, daß die Herausgeber von Druckerzeugnissen im Laufe der Zeit auch Bilder in ihre Publikationen integrierten; und dies auch schon in den Vorgängern der ab 1605 erscheinenden Zeitungen. So findet sich zum Beispiel auf der „Warhafftige Newe Zeitung des kayserlichen Siegs zu Galetta und Tunis geschehen“ aus dem Jahre 1535 das Bild einer Kampfszene an einer Küste.

Auffallend ist, daß sich schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts neben dem Tendenzbild der Typ des Nachrichtenbildes [kursiv im Original, hepä] herausbildete, das in Flugschriften und besonders in Einblattdrucken auftrat, „wie sich überhaupt die Kleindrucke bei der Themenwahl viel eher als die Buchillustrationen aus dem Bereich der Kirche und der religiösen Verkündigung lösten“. Der Begriff des Nachrichtenbildes sei allerdings nur mit Vorsicht auf das erste Jahrhundert nach der Erfindung der Buchdruckerkunst zu übertragen, gibt Huhndorf zu bedenken, „doch lassen viele Holzschnitte das Bestreben erkennen, eine Person, ein Ereignis oder einen Tatbestand objektiv und nicht selten mit großer Genauigkeit möglichst schnell wiederzugeben“. Sebastian Brants4 „Donnerstein von Ensisheim“ aus dem Jahr 1492 gilt als das älteste bislang bekannte illustrierte Flugblatt. Obwohl für dieses Medium mit dem Jahr immerhin ein relativ konkreter Erscheinungszeitpunkt benannt werden kann, ist es mir beim Studium der Quellen nicht gelungen, ein ähnlich genaues Datum für die erste in einer Zeitung veröffentlichte Karikatur zu finden. Dies mag daran liegen, das die Zahl der benutzten Quellen nicht ausreichte bzw. mir das entscheidende Werk nicht vorlag, es kann aber auch daran liegen, daß bis heute niemand einen solchen Zeitpunkt definiert hat. Für die letztgenannte Annahme spricht, daß schon Schilling 1990 bedauerte: „In der einschlägigen Forschung finden sich überraschenderweise keine Aussagen zur formalen Gestaltung des Flugblatts, ...“ Offensichtlich gilt dieses Desinteresse am formalen Aufbau auch für die Entwicklung der Zeitung, bzw. für die Entstehung des Layouts und der in Zeitungen verwendeten textlichen und (foto-)grafischen Bestandteile.

Finden sich doch Angaben, so sind diese sehr allgemein und ohne Bezug auf ein konkretes Medium formuliert: „Seit 1827 wurden die Karikaturen vornehmlich in täglich bzw. wöchentlich erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt“, meint beispielsweise Bayer-Klötzer. Und auch Sailer („Erst im 19. Jahrhundert jedoch stößt die Karikatur in das Bewußtsein der breitesten Masse vor und erobert sich mit der Gründung von satirischen Zeitschriften Straße, Cafe und Bürgerhaus.“) und D’Ester („Erst als eigene Witzblätter gegründet wurden, brach die Blütezeit der K. in der deutschen Presse an. ... Als dann die billige Massenpresse ... entstand, erschien auch die K. mitunter täglich in den Zeitungen.“) [Abkürzungen im Original, hepä] legen das Erscheinen von Karikaturen in Zeitungen in das 19. Jahrhundert. Huhndorf faßt so zusammen: „Die damals schon erscheinenden periodischen Zeitungen verzichteten auf das Bild, und die Kupferstiche der gelehrten Zeitschriften waren alles andere als ein Meilenstein auf dem Weg zur modernen Bildpublizistik. Noch war die Zeit nicht reif für neue Formen der Bildaussage, für die periodischen Bilderzeitschriften des 19. Jahrhunderts, ...“. Als Jahr darf hier das Gründungsjahr der französischen politisch-satirischen Zeitschrift „La Caricature“ von Charles Philipon angenommen werden, das Bornemann recht vage mit „um 1830“ angibt. Auch ervertritt die Ansicht, daß die „politische Zeitungskarikatur unserer Tage auf der von Philipon im 19. Jh. begründeten modernen Presse-karikatur beruht“ [Versalien und Abkürzung im Original, hepä] und daß die Gründung von „La Caricature“ „die Geburtsstunde der modernen journalistischen Karikatur darstellt“. Bosch-Abele benennt das Datum der Erstausgabe von „La Caricature“ mit dem 4.11.1830 konkret und stellt fest, daß die „Caricature“ das erste politisch-satirische Journal in Frankreich gewesen sei, „in dem die Bildbeilage einen besonderen Stellenwert besaß“.

Daß nach der Gründung der ersten Zeitung allerdings tatsächlich mehr als 200 Jahre vergehen mußten, bevor Zeitungsmacher Karikaturen für sich entdeckten, verwundert und darf angezweifelt werden. Ebenso darf bezweifelt werden, daß zunächst Medien wie „La Caricature“ oder „Charivari“ gegründet werden mußten, deren Zweck vor allem in der Veröffentlichung von Karikaturen und Witzzeichnungen bestand, bevor die Herausgeber von Tageszeitungen auf die Idee kamen, diese Darstellungsform in geringer Zahl oder einzeln für sich zu nutzen. Gestützt werden die Zweifel durch Fuchs, für den die 1701/1702 erschienenen 40 Ausgaben des „Äsop in Europa“, die gegen Ludwig XIV. und seinen Hof gerichtet waren, die „erste Formeiner politisch-satirischen Zeitschrift“ darstellten und der die Ansicht vertritt, daß die Karikatur in der politisch-satirischen Presse die ganze Zeitgeschichte kommentieren und „die Kraft der geschriebenen Satire mit den starken Mitteln der gezeichneten unterstützen“ sollte.

Der Hinweis Bornemanns darauf, daß zunächst eine gewisse Form von Pressefreiheit herrschen mußte, durch die die Veröffentlichung von Karikaturen zulässig wurde, begründet das unterstellte Erscheinen von Karikaturen in Zeitungen und Zeitschriften erst ab 1830 nicht ausreichend. Denn schon lange vorher hatten die Urheber oder Herausgeber kritischer Zeichnungen und Druckschriften mit Zensurvorschriften und
-maßnahmen geistlicher und weltlicher Herrscher zu kämpfen, und zu allen Zeiten hatten sich viele von ihnen über diese Bestimmungen hinweggesetzt.