Exkurs 1: Der Streit um die Mohammed-Karikaturen

Nach dem Lesen der vorangegangenen Seiten dürfte klar geworden sein, daß die Frage, welche Wirkung Karikaturen in der heutigen Gesellschaft haben, ein breites Spektrum von Antwortmöglichkeiten zuläßt – mit der Tendenz, daß sie eher nichts oder genau das Gegenteil dessen bewirken, was sie bewirken sollten. Doch Ereignisse zu Beginn des Jahres 2006, also genau in der Phase der Entstehung dieser Arbeit, schienen zu beweisen, daß Karikaturen sehr wohl eine Wirkung erzielen können; und zwar eine derart große, daß Kommentatoren der verschiedensten Medien sich zu Worten wie „Weltkrise“, (einem drohenden) „Kampf der Kulturen“, „Religiöser Flächenbrand“ und „Bilderkrieg“ hinreißen ließen, um die Wirkung zu beschreiben. Dabei verdient der Streit um die Mohammed-Karikaturen, der durch Zeichnungen in der auflagenstärksten dänischen Tageszeitung „Jyllands Posten“ verursacht worden war und vor allem um den Monatswechsel Januar/Februar 2006 in einigen islamischen Ländern für eskalierende Ereignisse sorgte, inzwischen nur noch aus der Presse gut bekannte Bezeichnungen wie „Viel Lärm um nichts“ oder „Sturm im Wasserglas“ – wurde das Thema doch schon wenige Wochen nach diesen Ereignis-sen von anderen Themen wie Vogelgrippe und Fußball-Weltmeisterschaft von den Titel- und Meinungsseiten verdrängt, um seitdem nicht wieder ins Bewußtsein der Allgemeinheit zurückzukehren.

Heute, Monate später, bleibt festzustellen, daß sich nach der Publikation der zwölf Zeichnungen in Dänemark und später auch in anderen Ländern eine Menge ereignet hat. Allerdings ist die Frage unbeantwortet, ob die Karikaturen tatsächlich Auslöser des Streits oder nur willkommener Anlaß für die Regierungen einiger mohammedanischer Staaten waren, eine Krise zu provozieren, die von Problemen im eigenen Land ablenken sollte. Schon auf dem Höhepunkt der Streitigkeiten Anfang Februar waren viele Meinungen zu lesen, die genau dieses unterstellten, und etliche der Ereignisse, die seinerzeit bei vielen Menschen höchste Verwunderung auslösten, scheinen diese These zu bestätigen.

Doch was war überhaupt geschehen? Am 30. September 2005 hatte die mit 150.000 verkauften Exemplaren größte dänische Tageszeitung „Jyllands Posten“ zwölf Karikaturen über den Propheten Mohammed gedruckt. Ausgangspunkt dieser Publikation war der Kinder- und Jugendbuchautor Kåre Bluitgen, der ein „Familienbuch“ über den „Koran und das Leben des Propheten Mohammed“ herausbringen wollte, aber zunächst keinen Zeichner fand, der bereit war, Illustrationen zu liefern. Drei Künstler sagten sofort aus Angst vor Bedrohungen ab, ein vierter erklärte sich bereit, Zeichnungen zu liefern, wollte aber absolut anonym bleiben. Bluitgen diskutierte dieses Erlebnis verärgert im privaten Umfeld, zu dem auch ein Mitarbeiter der dänischen Nachrichtenagentur gehörte. Dieser griff das Thema auf, das daraufhin von mehreren dänischen Zeitungen bearbeitet wurde. Fleming Rose, Kulturredakteur der „Jyllands Posten“, ließ sich durch die Schlagzeilen anregen und beschloß, eine eigene Geschichte daraus zu machen. Er schrieb 40 dänische Künstler an und bat sie darum, Mohammed so zu zeichnen, „wie Sie ihn sehen“.

Zwölf Zeichner meldeten sich zurück – mit Bildern von ihrer Sicht des Propheten. Die „Gesichter Mohammeds“ erschienen in der „Jyllands Posten“ und sorgten augenblicklich für Streit, zunächst nur auf regionaler bzw. nationaler Ebene. Dies aber nicht wegen ihrer Qualität, die von Analysten beispielsweise mit Worten wie „plump und grob“ oder „unkomische Dutzendware“ beschrieben wurde, sondern weil sie angeblich dazu geeignet waren, die religiösen Gefühle von Muslimen zu verletzen. Erstaunlicherweise begründete sich diese Verletzung aber in erster Linie nicht durch Inhalt oder unterstellte Intention der jeweiligen Zeichnungen, obwohl diese „durchweg unfreundlich“ waren. So gab es zum Beispiel ein Bild zu sehen, das Mohammed mit einer Bombe im Turban zeigt, deren Lunte glimmt und „das nahelegt, der Islam sei eine gewalttätige Religion“. Derartige Motive, in denen Vertreter des Islam mit wahnsinnigen Bombenlegern und Terroristen gleichgestellt werden, haben nach Beobachtungen von Plum seit der Iranischen Revolution, dem endgültigen Ende des Kalten Krieges und dem ersten Golfkrieg in westlichen Medien Konjunktur. Hier ist aber Mentz zuzustimmen, der meint, „das Bildmotiv ist altbacken und die Aussage unsinnig, denn als Selbstmordattentäter treten ja gerade nicht die religiösen Führer in Erscheinung, sondern die von ihnen Verführten“.

Der „altbackene Unsinn“ könnte also eine Erklärung dafür sein, warum nicht die ge-samte Bildaussage zum Thema des Karikaturen-Streits geworden ist – an dieses, so Plum, „neue Feindbild Süd“ hatte man sich in der islamischen Welt offensichtlich gewöhnt. Auslöser war vielmehr die Tatsache, daß der Prophet Mohammed in allen Zeichnungen ein Gesicht bekommen hatte, wenn auch die Augen in einer Karikatur mit einem schwarzen Balken verdeckt waren. Damit hatten die Zeichner gegen das islamische Bilderverbot verstoßen, das Chimelli so erläutert: „Als der Prophet Mohammed nach dem Exil in Medina siegreich in seine Heimatsadt Mekka einzog, zerstörte er als erstes die heidnischen Götzenbilder im Hof der Kaaba. Er trat damit altorientalischen Vorstellungen entgegen, in denen zwischen Bild und Wirklichkeit nicht streng unterschieden wurde. Ausdrücklich steht das Bilderverbot ... nicht im Koran. Doch wird es davon abgeleitet, dass das heilige Buch der Muslime Gott als einzigen ,Bildner‘ [An- und Abführung im Original, hepä] bezeichnet. Es ihm als Künstler gleich tun zu wollen, wäre Frevel, der nach einem Ausspruch des Propheten mit Höllenqualen geahndet wird. Solche Sünder werden erst erlöst, wenn sie ihren Bildnissen Leben einhauchen können – also nie. Nach einem anderen der Worte Mohammeds betreten Gottes Engel kein Haus, in dem sich Abbildungen befinden.“