| Exkurs 3: Das sogenannte „Paulmicheln“ Auf den vorangegangenen Seiten habe ich versucht, die Arbeitsbedingungen von Karikaturisten zu beschreiben. Zusammenfassend läßt sich sagen, daß technisch und inhaltlich-formale Bedingungen die Arbeit des Karikaturisten ebenso beeinflussen wie das Spannungsverhältnis zu Redaktion und Verlag, das wiederum wesentlich durch die Markt- und Wettbewerbssituation sowohl des Mediums als auch des Karikaturisten beeinflußt wird. Das heißt, Karikaturisten haben sich gewöhnlich, trotz aller Vorteile, die die moderne Technik mit sich bringt, den technischen Vorgaben der Verlage anzupassen, vollbringen bei der Motivsuche und -umsetzung stets eine Gratwanderung zwischen eigenen thematischen Interessen und der Verkäuflichkeit von Themen, die wiederum in erster Linie durch die wirtschaftlichen Interessen des Verlages bestimmt wird. Meine Umfrage unter den Karikaturisten zeigt, daß das Gros aller Tageszeitungs-Karikaturisten nicht ausschließlich von tagesaktuellen Karikaturen leben kann, sondern sich durch anderweitige Tätigkeiten zusätzliches Einkommen sichern muß ausgenommen sind hier nur wenige Spitzenvertreter des Berufsstandes, die ihre Honorare unabhängig von Redaktionsvorgaben frei aushandeln können bzw. deren Arbeiten entweder von vielen Medien oder so häufig nachgefragt werden, daß ein regelmäßiges und gesichertes Einkommen gewährleistet wird. Im Rahmen dieser Arbeit habe ich außerdem keinen festangestellten Karikaturisten ermitteln können abgesehen von Dr. Henrik Rupp, der allerdings bei der „Heidenheimer Neue Presse“ in erster Linie schreibender Redakteur ist und dort nach eigenen Angaben nur einmal pro Woche auch eine Karikatur veröffentlicht. Meine Beschreibung der Arbeitsbedingungen für Karikaturisten dürfte in etwa deckungsgleich sein mit denen, die in verschiedenen Untersuchungen für freie Journalisten ermittelt wurden. Allerdings trägt die Tatsache, daß Karikaturisten ausschließlich oder fast ausschließlich freiberuflich arbeiten zweifellos dazu bei, daß Konkurrenzdruck und die Notwendigkeit marktgerechten Verhaltens als Anbieter einer Dienstleistung im Wettbewerb mit anderen Anbietern einer vergleichbaren Dienstleistung im Mittel deutlich höher sein dürften als beim Durchschnitt aller Journalisten [gemeint sind hier alle Nicht-Karikaturisten]. Obwohl einige Karikaturisten Liefer- und Abnahmeverträge besitzen, die zumindest eine gewisse Planbarkeit von Beschäftigung und Einkommen garantieren, bleibt der strukturelle Druck aufgrund der prinzipiellen Unsicherheit und der Tatsache, daß auch ein Vertrag auf Basis einer festen freien Mitarbeit nur eine freie Mitarbeit ist (und damit zum Beispiel Kündigungsschutz nicht existiert) überdurchschnittlich hoch. In dieser Situation können Karikaturisten ebenso wie andere Künstler verschiedenartige Strategien entwickeln, um das Verhältnis zwischen Arbeitseinsatz und Einkommen zu optimieren. Öffentliche Plagiatsvorwürfe, die bei Zeichnern, Literaten und Musikern fast an der Tagesordnung sind und häufig zu Rechtsstreitigkeiten führen, geben einen Hinweis auf eine dieser Strategien: Man bedient sich an Vorlagen oder -ideen anderer Autoren, also fremdem geistigen Eigentum, und bringt diese, meist leicht abgewandelt, unter eigenem Namen heraus. Oder, betrachtet man das Autoplagiat als Sonderform des Plagiats, man bedient sich an eigenen Arbeiten (oder Teilen davon) und verwertet diese mehrfach. Einer der Vorteile des Autoplagiats liegt darin, daß Zeit- und Ideenaufwand für Entwicklung und Realisation eines neuen Produktes gespart werden und der Anteil der Arbeitskosten am gesamten Produktionspreis pro Stück verringert werden kann. Zu beobachten sind mehrere Varianten des Autoplagiats: So kann erstens die Idee für ein regelmäßig wiederkehrendes Thema wieder aufgegriffen und bildlich leicht variiert werden. Zweitens können identische oder leicht abgewandelte Bildmotive zur Illustration verschiedener Themen wiederverwertet werden. Variante drei ist der Rückgriff auf einzelne Bildelemente, zum Beispiel Gesichter oder komplette Körper von Politikern, die sich aus archivierten Arbeiten erneut nutzen und klassisch per Schere und Klebstoff oder mit moderner Bildbearbeitungssoftware in neue Bilder einkopieren lassen. Zehentmüller hält das Autoplagiat für eines der wesentlichen Bestandteile des „Paulmichelns“. Laut Zehentmüller geht dieser von ihm erfundene Begriff „auf das unselige Wirken eines Augsburger Verlegenheitskünstlers namens Erich Paulmichl zurück, der es schafft, mehr Müll zu recyclen, als vorhanden ist.“ Paulmichl selbst beurteilt seine Leistungen allerdings anders. Auf seiner Internet-Seite ist über ihn zu lesen: „Der Künstler lebt und arbeitet in der Augsburger Altstadt. Vor über 25 Jahren begann er mit Cartoons für Illustrierte und Magazine seine Laufbahn. Neben den Cartoons waren lange Jahre seine surrealistischen Farbzeichnungen in vielen Ausstellungen in Deutschland zu sehen. Anfang der 80er Jahre versuchte sich der Zeichner in der Kunst der politischen Karikatur mit großem Erfolg: Heute zeichnet er täglich für über 70 Tages- und Wochenzeitungen und zählt zu den meistveröffentlichten politischen Karikaturisten.“ Ich betone ausdrücklich, daß es mir nicht darum geht, einen einzelnen, von mir willkürlich gewählten Karikaturisten ob seiner Arbeitsweise gezielt an den Pranger zu stellen. Ich kann weder beurteilen, ob es sich bei den in diesem Exkurs angeführten Beispielen um Ausreißer eines einzelnen Karikaturisten handelt oder ob die beschriebene Arbeitsweise auch bei anderen Zeichnern zu beobachten ist (das wäre gegebenenfalls im Rahmen einer Inhaltsanalyse zu untersuchen), noch will ich der gesamten Zunft der Karikaturisten ein derartiges Verhalten unterstellen. In Sachen Autoplagiat ist mir aber immerhin im Rahmen meiner Untersuchungen ein weiteres Beispiel von Freimut Wössner aufgefallen, von dem im „journalist“ 12/1994 und „journalist“ 7/2002 Zeichungen erschienen, die sich zwar durch die Texte, geringfügige Änderungen im Bild und den Druck in Schwarzweiß bzw. Farbe unterscheiden, bei denen es sich aber eindeutig um identische Motive handelt. |
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