1.1. Problemstellung

Schon während meiner Schulzeit in den siebziger Jahren war ich begeisterter Konsument von Karikaturen, Cartoons und Comicstrips. Mich faszinierte das gesamte Spektrum der Zeichnungen, von den eher harmlosen „Peanuts“ eines Charles M. Schulz, über die meist witzigen, oftmals auch sozialkritischen Werke der Mitglieder der Neuen Frankfurter Schule bis zu kämpferischen politischen Stellungnahmen. Spezialisierte Satirezeitschriften wie „Eulenspiegel“, „Pardon“ oder „Titanic“ begleiteten seitdem mein Leben, und das Betrachten der täglichen politischen Karikatur in den Tageszeitungen, die ich las, machte ich mir bis heute zu einer angenehmen Pflicht.

Mit dem Einstieg in das eigene journalistische Schaffen als schreibender Redakteur sah ich Karikaturen zunehmend aus einer Perspektive, die durch grundsätzliche berufsbedingte Fragen beeinflußt wurde. Dabei fiel mir der unterschiedliche Umgang mit karikaturistischen Zeichnungen in Tageszeitungen vor allem hinsichtlich der Urheberschaft auf: Während in einigen Blättern der Bildautor (abgesehen von einem oftmals in der Zeichnung enthaltenen Kürzel) gar nicht genannt wird, ist sein Name bei anderen standardmäßig neben oder unter dem Foto zu finden, freistehend oder als Teil einer Bildunterzeile. Auffällig an der ersten Variante war vor allem, daß der Urheber-hinweis bei diesen Zeitungen nicht aus prinzipiellen Erwägungen fehlte, sondern daß er ausschließlich bei Karikaturen fehlte – Fotos und fast alle Textbeiträge ab einem bestimmten Zeilenumfang waren dagegen sehr wohl entweder mit voller Namensnennung oder zumindest per Autorenkürzel gezeichnet, so banal das Thema auch sein mochte.

Auffällig war aber nicht nur der unterschiedliche Umgang der Tageszeitungen mit der Autorennennung bei Karikaturen, sondern es waren (und sind) auch Unterschiede zwischen den verschiedenen Medien festzustellen. Während Tageszeitungen ihre Karikaturisten offensichtlich nie oder nur in ausgesprochen seltenen Fällen im Impressum nennen, werden die Zeichner im Impressum von Zeitschriften sehr wohl genannt, in der Regel unter einem Punkt wie „Mitarbeiter dieser Ausgabe“. Dabei erstaunte es vor allem, daß die Nennung des Urhebers der Karikaturen auch dort fehlte, wo man gerade hätte erwarten dürfen, ihn zu finden, weil sich die Herausgeber der entsprechenden Publikationen ausdrücklich mit berufsspezifischen Fragen wie Urheberrecht beschäftigen – wie etwa das Institut für Journalistik an der Universität Dortmund. So fehlte beispielsweise im Impressum der Ausgabe 1/2005, des „Journalistik Journal“, das von diesem Institut herausgegeben wird, die Nennung des Namens Silke Herrmann, die in der Ausgabe mit mehreren Karikaturen vertreten war, obwohl der Autorenhinweis mit der ausdrücklichen Kennzeichnung „Karikatur“ sehr wohl unter der Zeichnung vorhanden war.

Aus den im Laufe der Jahre gesammelten Beobachtungen heraus entstand die Idee, sich ein-gehender mit dem Einsatz von Karikaturen in Tageszeitungen zu beschäftigen. Je länger ich das tat, desto interessanter wurde das Thema, weil es viele Fragen und nur wenige Antworten gab (und gibt). Schließlich schien es mir wichtig genug, um darüber eine Dissertation anzufertigen.

Die vorliegende Arbeit geht in ihrem ersten Teil der Frage nach, ob und inwieweit Karikaturen zum Journalismus gehören, oder, genauer gesagt, ob Karikaturen eine journalistische Darstellungsform und Karikaturisten Journalisten sind. „Ja sicher, was sonst“, möchte man spontan auf beide Fragen antworten. Schließlich ist die 1969 von Sailer getroffene Feststellung, „eine Zeitung aber, die etwas auf sich hält, hat ihre eigenen ständigen Karikaturisten“, heute so aktuell wie eh und je (auch wenn diese ständigen Karikaturisten heute nicht mehr fest angestellt sind, sondern als Pauschalisten oder feste Freie für die Zeitungen arbeiten). Karikaturen im weitesten Sinne des Begriffes gehören seit Jahrhunderten zum Alltag vieler, in jüngster Vergangenheit fast aller lesenden Menschen in den Industriestaaten. Begegneten Karikaturen dem Leser zunächst in Flugblättern und Schmähschriften, später in Zeitungen und Zeitschriften, so haben sie heute Einzug in Printmedien der unterschiedlichsten Art ebenso wie in Fernsehen, Filmtheater und Internet gehalten. 1980 meinte Herding: „Kein Zweifel, die Karikatur hat Konjunktur. Seit einigen Jahren steht diese altmodische Gattung wieder im Mittelpunkt, wie es vorher kaum für möglich gehalten wurde.“

Im vergangenen Vierteljahrhundert dürfte sich daran wenig geändert haben. Im Gegenteil: Durch neue Medien wie Online-Zeitungen oder digitale Newsletter, die 1980 noch unbekannt waren, sowie durch weitere publizistische Möglichkeiten in der virtuellen Welt des Internets dürften sich die Chancen für die Anbieter von Karikaturen, ihre Werke zu veröffentlichen, ebenso vervielfacht haben wie die Chancen der Rezipienten, Karikaturen zu konsumieren.

Der Einsatz von Karikaturen unterscheidet sich über die bereits genannten Aspekte hinaus von Medium zu Medium: Setzen einige Titel sie eher sparsam ein, zum Beispiel Tageszeitungen, bei denen normalerweise nur eine Karikatur pro Ausgabe auf der Politik- oder Meinungsseite zu sehen ist, scheinen sich andere Titel wie etwa die satirischen Zeitschriften vor allem durch den besonders intensiven Einsatz von Karikaturen zu legitimieren. Ein weiterer Unterschied liegt in der äußeren Form: Werden Karikaturen hier als schwarzweiße „Zugabe“ zu einem vornehmlich politischen Beitrag eingesetzt, stehen sie dort als farbiger Ganzseitenbeitrag oder dienen gar als Aufmacher auf der Titelseite. Auch die Urheberschaft differiert: Beschäftigen die einen Medien, wie oben bereits erwähnt, einen ständigen eigenen Karikaturisten, so greifen andere auf die Werke eines festen „Zeichner-Pools“ zurück oder sehen sich je nach Anlaß auf dem Markt der freischaffenden Karikaturisten um. Unabhängig von den genannten und weiteren Unterschieden, die sich finden ließen, und ungeachtet der Tatsache, daß es natürlich auch Medien gibt, die vollkommen auf Karikaturen verzichten, läßt sich feststellen: Karikaturen sind zu einem „nicht mehr“ oder zumindest „kaum mehr wegzudenkenden Bestandteil der modernen Massenmedien geworden“.

Der daraus möglicherweise entstehende spontane Eindruck, daß Karikaturen selbstverständlich ein Bestandteil des Journalismus sein müßten, scheint durch einen Blick in die wissenschaftliche Literatur und zahlreiche Expertenmeinungen bestätigt zu werden. So etwa durch Koszyk, für den Karikatur „ein journalistisches Genre“ ist, und Pätzold, der Kari-katuren als „eine wesentliche Vermittlungsform der Zeitungen und Zeitschriften“ bezeichnet. Auch Dollinger nennt Karikatur eine journalistische Stilform, und Knieper läßt bereits im Titel seines 2002 erschienenen Buches keinen Zweifel daran, daß [zumindest, hepä] die politische Karikatur „eine journalistische Darstellungsform“ ist. Diese Aus-sage unterstreicht er im Text, in dem er betont, daß es sich bei der Karikatur um eine journalistische Stilform und „um ein originäres Sujet der Zeitungswissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Publizistik und Journalistik“ handelt. Nach Grünewald fügt sich die Karikatur als Form des Genres Kommentar in das journalistische Angebot, und für Gombrich sind Karikaturen grafischer Journalismus. Soweit beispielhaft nur eine kleine Auswahl von Meinungen. Später wird dieses Thema noch detaillierter dargestellt.

Eine Annäherung an das Thema „Karikaturen im Journalismus“ im Rahmen einer aus journalistischer Perspektive geschriebenen Dissertation sollte daher keine Schwierigkeiten bereiten. Doch all diese Aussagen spiegeln nur eine Seite der Medaille wider. Auf der anderen finden wir zahllose Expertenmeinungen, denen zufolge Karikaturen ebenso eindeutig ein Genre der Kunst sind – und damit kaum als journalistische Darstellungsform in Frage kommen. Beispielhaft seien hier Heuss („Die Karikatur gehört ... zu den zeichnenden Künsten“), Grill („Was also soll sie [die satirische Kunst, hepä] anderes sein als Kunst?“), Bornemann („Als ein wichtiger ,Aufhänger‘ für die Würdigung der Weberschen Druckgraphik dient uns die Kunstgattung der Karikatur“) oder Bayer-Klötzer („Wie keine andere Kunstgattung ist die Karikatur ...“) zitiert.

Hinzu kommen Ansichten, die Karikatur zu einer Mischform erklären, in die gleichermaßen Elemente aus Journalismus und Kunst einfließen. Heuss etwa weist an anderer Stelle darauf hin, „daß derjenige, der nicht auf eine gesonderte und reinliche Auffassung des Wortes Kunst verzichten will, bedacht sein muß, die Karikatur auf einem Grenzgebiet anzusiedeln, wie etwa das Plakat, den Buchschmuck, die Illustration. Natürlich läßt sich die Karikatur nicht diesen allen ohne weiteres gleichsetzen. Sie ist ein Zwitter.“ Nach Heinisch ist die Karikatur „der Parasit der bürgerlichen Kunstbetrachtung und -auffassung“, (...) die im Kanon der Kunstwerke ziemlich weit unten rangiert, an der Grenze zum Journalismus“. Und Schneider gibt zu bedenken, „daß Karikatur eine in den Journalismus integrierte Kunst ist“.

Spätestens an diesem Punkt sollten Zweifel aufkommen, ob die ursprüngliche Ansicht, Karikaturen seien natürlich eine Form des Journalismus, in dieser Eindeutigkeit zu halten ist. Bei der Betrachtung der unterschiedlichen, hier eher zufällig als gezielt ausgewählten Standpunkte fällt auf, daß eine brauch-bare Annäherung an das Thema „Karikaturen im Journalismus“ allein über das Studium wissenschaftlicher Quellen nicht möglich ist. Zu viele Disziplinen haben sich bislang mit der Karikatur auseinandergesetzt, und zwar jeweils (ausschließlich) unter dem sie interessierenden Gesichtspunkt. An erster Stelle sind hier Geschichtswissenschaft, Kunstwissenschaft und -geschichte zu nennen, aber auch Soziologie, Pädagogik, Psychologie und Psychoanalyse sind mit zahlreichen Arbeiten vertreten. Bemerkenswert ist dabei, „daß Bücher und Aufsätze, ..., so sehr mit der schwierigen Aufgabe ihrer [der Karikaturen, hepä] Erklärung beschäftigt sind, daß das Medium selbst und seine Geschichte noch weitgehend unerforscht sind.“

Vergleichsweise selten beschäftigten sich dagegen Zeitungs- und Kommunikations-wissenschaft, Publizistik und Journalistik mit politischer Karikatur. Ebenso ist nach Kniepers Beobachtung der gesamte Entstehungsprozeß politischer Karikaturen [im Journalismus, hepä] bislang nur in Ansätzen erforscht, und insbesondere „eine systematische Auseinandersetzung mit der politischen Karikatur aus journalistischer Perspektive liegt bis dato nicht vor“.

Kann dies als Argument gegen die These gewertet werden, Karikaturen gehörten zum Journalismus? Beschäftigen sich Journalistik und Publizistik deshalb nicht mit der Karikatur, weil sie diese nicht zu ihrem Fachgebiet zugehörig wähnen? Oder rangieren Karikaturen in der Hierarchie der journalistischen Darstellungsformen zu weit unten, sind sie zu banal, um sich aus wissenschaftlichen Höhen zu ihrer Erforschung herabzulassen? Für diese Annahme spräche, daß in jüngster Vergangenheit offensichtlich kaum über Karikaturen wissenschaftlich geforscht wurde, bzw. die Forscher kein Interesse an der Veröffentlichung ihrer Erkenntnisse hatten. Um nennenswerte Arbeiten des vergangenen Jahrzehnts aufzuzählen, reichen die Finger einer Hand. Hervorgetan haben sich hier vor allem Knieper, Grünewald und Plum. So umfangreich das Material zum Thema Karikaturen also insgesamt auch sein mag, zur Erschließung des Themas „Karikaturen im Journalismus“ ist es nur bedingt oder gar nicht brauchbar. Zumal die große Mehrheit der Veröffentlichungen in Zeiten entstanden ist, die mit der heutigen nichts mehr gemein haben.

Läßt man die bislang geäußerten Bedenken außer acht und setzt als Tatsache voraus, daß Karikaturen eine journalistische Darstellungsform und Karikaturisten Journalisten sind, wird ein weiteres Problem erkennbar: Bis auf spärlich vorhandene Ausnahmen lassen auch diejenigen Autoren, die diesen eindeutigen Standpunkt vertreten, eine Erklärung dafür vermissen. Als Leser ihrer Arbeiten ist man geneigt, Karikaturen allein schon deshalb für ein journalistisches Genre halten zu müssen, weil sie als regelmäßiger Bestandteil des redaktionellen Teils existieren oder weil die Verfasser ihre These kraft ihrer wissenschaftlichen Persönlichkeit und ihres Renommees kühn zur Wahrheit erklären. Wer würde es schon wagen, den Titel einer Habilitationsschrift wie die Kniepers „Die politische Karikatur. Eine journalistische Darstellungsform und deren Produzenten.“ in Zweifel zu ziehen und demgegenüber zu behaupten, Karikaturen seien zwar Bestandteil des redaktionellen Teils, dienten aber letztlich nur der Auflockerung des Textes und damit der besseren Verkäuflichkeit des Mediums?

Doch Widerspruch scheint mir an dieser Stelle angebracht, denn allein die Existenz von Karikaturen innerhalb des redaktionellen Teils, oder die Tatsache ihrer Veröffentlichung, die Knieper als ein Definitionskriterium nennt, reicht meiner Ansicht nach nicht aus, um eine solche These zu stützen. Wäre dies das ausschlaggebende Kriterium, müßten zum Beispiel Grafiken wie Wetterberichte, Tabellen mit Aktienkursen oder dem TV-Programm oder die Übersicht über die Termine der Gottesdienste vom Wochenende ebenfalls journalistische Darstellungsformen sein. Ohne die Thematik, was genau journalistische Darstellungsformen sind, an dieser Stelle detailliert diskutieren zu wollen, gehe ich davon aus, daß die genannten Inhalte eher nicht dazugehören. Als Erklärung für diese Behauptung mag ein Blick in die einschlägigen Werke zur Ausbildung und zur Tätigkeit von Journalisten reichen, in denen die inhaltliche Ausgestaltung von Aktienkurstabellen und Gottesdienstterminen nicht vorkommt.

Erweist sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung bislang nicht als ausreichend fundiert, um die Bedeutung von Karikaturen und Karikaturisten aus journalistischer Betrachtungsweise festzustellen, so können unter Umständen Quellen außerhalb der einschlägigen Literatur hinreichende Hin- und Beweise für die Behauptung liefern, Karikaturen seien eine journalistische Darstellungsform. Es liegt nahe, hier zunächst auf die Medien selbst zu blicken, die Karikaturen publizieren. Ein einfacher Beweis dafür, daß Karikaturisten anderen Redak-tionsmitgliedern gleichgestellt sind, wäre meiner Ansicht nach ihre Erwähnung im Impressum. Auch die Tatsachen, daß Medienunternehmen festangestellte Karikaturisten beschäftigen, die ihr Gehalt aus dem Redaktionsetat beziehen, und daß diese Karikaturisten in gleichem Maße an (inhaltlich) redaktionellen Entscheidungen beteiligt sind wie ihre schreibenden (und fotografierenden) Kollegen, könnte als Beweis gelten. Ein weiteres Indiz könnte darin bestehen, daß Medienunternehmen Karikaturisten als Volontäre einstellen, ebenso wie sie Redak-teure und Bildredakteure ausbilden. Auch sollte es dort, wo Weiterbildung angeboten wird, spezielle Angebote für Karikaturisten geben, um deren handwerkliches (also zeichnerisches) Können zu steigern (so wie es für schreibende Redakteure beispielsweise Seminare zu „Kommentar und Glosse“, „Reportage und Feature“ oder „Porträts in Printmedien“ gibt), sie im Umgang mit neuen Medien fortzubilden (so wie es für schreibende Redakteure beispielsweise Seminare wie „Texten fürs Web“ oder „Kreatives Schreiben für Online-Journalisten“ gibt) oder ihr Wissen über Politik, Gesellschaft und berufsimmanente Probleme zu vertiefen (so wie es für schreibende Redakteure beispielsweise Seminare zum Thema „Konfliktmanagement in der Redaktion“ oder „Berichterstattung aus Krisen- und Kriegsgebieten“ gibt).

Zwar ist der Zugang zum Beruf des Zeichners (Karikaturisten) formal ebenso frei wie der Weg zum Beruf des Journalisten, aber warum sollte ein zeichnender Redakteur weniger von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und den Produktionsmechanismen der Medien verstehen als seine schreibenden und fotografierenden Kollegen? Warum sollte er im Rahmen seiner Ausbildung nicht ebenfalls in verschiedenen Redaktionen gesessen und die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Anforderungen der einzelnen Ressorts kennengelernt haben? Fähigkeiten und Kenntnisse müssen dabei nicht zwangsweise direkt in einem Medienbetrieb oder über die Standesorganisationen erworben worden sein. Auch privatwirtschaftlich organisierte und öffentlich-rechtliche Weiter-bildungsinstitutionen oder Fachhochschulen, Kunstakademien und Universitäten könnten sie vermitteln.

Eine weitere Bestätigung, daß Karikaturisten ohne Zweifel Journalisten sind, könnten Tarifverträge und Gesetzestexte, aber auch standesbezogene Verhaltensvorschriften wie der Pressekodex oder verlagsinterne Richtlinien bringen. Aussagekraft hinsichtlich der Problemstellung ließe sich diesen Quellen dann zuschreiben, wenn Karikaturisten dort ausdrücklich erwähnt werden. Untersuchungsergebnisse, die sich mit diesen formalen Aspekten auseinandersetzen, liegen nach meiner Erkenntnis derzeit nicht vor. Lediglich Knieper widmet sich in seiner Untersuchung einigen Teilaspekten dieses Themenkomplexes, wenn er beispielsweise nach der Zugehörigkeit von Karikaturisten in Berufsorganisationen oder Rechteverwertungsgesellschaften fragt.

Die Person und Persönlichkeit des Karikaturisten selbst und dessen Selbsteinschätzung könnten schließlich noch einen Rückschluß darauf zulassen, ob er zum Journalismus gehört bzw. sich zugehörig fühlt. Ein deutlicher Hinweis wäre dabei der berufliche Werdegang. Denn gäbe es Karikaturisten, die „von Hause aus“ Journalist oder gar (ausgebildeter) Redakteur waren (sind) und sich auf der Grundlage dieser Ausbildung/Tätigkeit dem ausschließlichen oder neben anderen journalistischen Arbeiten gleichberechtigten Zeichnen von Karikaturen widmeten (widmen), so könnte auch dies als Indiz dafür gewertet werden, daß Karikaturisten Journalisten sind.

In der Realität scheint es allerdings so zu sein, daß der berufliche Werdegang der Karikaturisten ihren Ursprung gewöhnlich in der Kunst hat – das heißt in der Ausbildung in einem graphisch-künstlerischen Beruf oder einem entsprechenden Studium. Dies war schon früher so und wird auch durch die Umfrage bestätigt, die ich im Rahmen dieser Arbeit durchgeführt habe. Bei den wenigen Ausnahmen handelt es sich in der Regel um berufsfremde Autodidakten – Berührungspunkte mit journalistischer Arbeit außerhalb der Karikaturen sind nur bei sehr wenigen festzustellen. Daran hat sich im Laufe der Jahrzehnte wenig bis gar nichts geändert, wie ein Blick auf die Lebensläufe verschiedener Karikaturisten zeigt. So listen beispielsweise 1943 Villinger und Hotzel bei Heide ausschließlich Karikaturisten mit (sofern überhaupt angegeben) künstlerischer Ausbildung35 auf, auch in den Jahresbänden der „Gothaer Karikade“ werden die teilnehmenden Karikaturisten nicht als Journalisten bezeichnet. Ein studierter Journalist (Axel Frohn) gehört dagegen zu den 70 Autoren, die am 1. Köpenicker Karikaturensommer 1992 teilgenommen haben. Jedoch hat Frohn darüber hinaus auch die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig besucht. Für die übrigen 69 Autoren führte der Weg zur Karikatur wiederum über die Kunst. Dabei können die meisten auf eine akademische Ausbildung in verschiedenen Kunststudiengängen zurückblicken. Ausnahmen von den bisherigen Feststellungen finden sich aber bei Frenz, in deren Werk einige der porträ-tierten Karikaturisten explizit einer Redaktion zugehörig genannt werden, ohne sie allerdings als Journalisten zu bezeichnen.

Lediglich zwei im 20. Jahrhundert wirkenden Menschen wird in der von mir bearbeiteten Literatur dadurch, daß sie sowohl schrieben als auch zeichneten, ein gleichrangiger Status von Journalist und Karikaturist verliehen: Benedikt Fred Dolbin (1883–1971), von dem Schaber schreibt, „seine Porträts waren die Produktionen eines rasenden Reporters. ... Er war kein Schönschreiber, der die Kanten entschärfte, sondern ein Berichterstatter, dem es um höchste Präzision in der Wiedergabe des Erlebten ging“, und Ludwig Wronkow (1900–1982), dem Bohrmann „einen humanen Impuls“ attestiert, „der seinen Journalismus in den vielfältigen Formen, von der Kurzgeschichte zur autobiographischen Erzählung, von der humoristischen Zeichnung bis zur scharf argumentierenden Karikatur, von der kurzweiligen Bastelanleitung für Kinder bis zum Fotoratschlag für den angehenden ernsthaften Amateur auszeichnete“ und der dann, um den gerechten Frieden in der Gesellschaft und den Frieden zwischen den Völkern herbeizuzwingen, „scharf formulierte und unnachsichtig zeichnete“.

Sailer erwähnt außerdem noch „den berühmten Pariser Karikaturisten Forain – der beides [Zeichnen und Schreiben, hepä] konnte und für die ätzende Schärfe seiner Bildunterschriften gefürchtet war.“ Unter den zeitgenössischen Karikaturisten habe ich schließlich mit Dr. Hendrik Rupp einen Karikaturisten gefunden, der seine Tätigkeit als festangestellterRedakteur der „Heidenheimer Neue Presse“ mit seiner Tätigkeit als Zeichner verbindet.

In einem Exkurs am Ende geht diese Arbeit der Frage nach, ob und in welcher Weise Journalisten und Karikaturisten selbst zum Gegenstand von Karikaturen werden bzw. ob sie überhaupt in Karikaturen erscheinen und wenn ja, in welcher Weise sie dort vertreten sind. Hier soll zunächst die Frage geklärt werden, ob diejenigen, die in ihren Medien „austeilen“, etwa durch Kommentare, investigative Recherchen und Leitartikel, auch „einstecken“ können. Oder, wie der ehemalige Ministerpräsident Thüringens, Bernhard Vogel, in einem Grußwort mit Blick auf die Politikerzunft sagte: „Ein altes Sprichwort: Wer öffentlich Kegel schiebt, muß damit rechnen, daß die Leute laut nachzählen.“ Gehen also diejenigen, die es sich als Mitglied eines Medienbetriebs zu einem wichtigen beruflichen Anliegen gemacht haben, gesellschaftliche Zustände oder kritikwürdiges Verhalten von Personen, wenn nicht an den Pranger zu stellen, dann doch zumindest kritisch zu beobachten, selbstkritisch mit sich und ihren zeichnenden und schreibenden Kollegen um?
Anlässe dazu lassen sich ohne allzu große Anstrengungen finden. Sie können relativ unbedeutend und auf Schwächen, Probleme oder Fehlverhalten des einzelnen bezogen sein. Etwa, wenn es um Sucht geht. So ist das Thema Alkoholismus unter Medienschaffenden offensichtlich so auffällig, daß sich schon die vierte Diplom-arbeit, die am Institut für Journalistik an der Universität Dortmund geschrieben wurde, damit auseinandersetzte, und auch einer der von mir im Rahmen dieser Dissertation angeschriebenen Karikaturisten mit dem Thema „der typische Journalist 2006“ einen offensichtlich alkoholisierten Menschen assoziierte. Andere Anlässe können sich aber auch auf Probleme der Bestechlichkeit, Vorteilsnahme und Selbstbegünstigung oder der journalistischen Unabhängigkeit beziehen, wie im Sommer 2006 bei Johannes B. Kerner. Und sie können schließlich fundamentale Fragen nach dem journalistischen Selbstverständnis aufwerfen. Zum Beispiel, wenn sich Redakteure so verhalten wie 1988 beim „Gladbecker Geiseldrama“, wenn die Opfer des Flugzeugunglücks von Ramstein ins Rampenlicht gezogen werden oder wenn der „Stern“ angebliche Hitler-Tagebücher veröffentlicht.

Hier geht es um die Fragen journalistischer Ethik und welche (karikaturistische) Resonanz auf Verstöße gegen sie folgt. Journalistische Ethik hilft Journalisten nach Wild zu entscheiden, was richtig ist: „Sie ist ultimativ darum bemüht, moralische Regeln oder Normen für journalistisches Handeln aufzustellen. ... Journalistische Ethik sollte dem Journalisten eine humanistische Weltsicht und ein Fundament für seine Handlungen geben. Sie mag Richtlinien, Regeln, Normen und Codices, zumindest weitgefaßte Prinzipien oder Maximen aufstellen, die den Journalisten anleiten, jedoch nicht zwingen, seine Tätigkeit verantwortungsvoll auszuführen.“

Gibt es diese Regeln und Normen für Journalisten und werden sie von Karikaturisten in ihren Werken angemahnt? Wie geschieht das, mit schulmeisterlich erhobenem Zeigefinger, mit Schadenfreude oder mit neutralem Blick? Oder findet Journalistenkritik in Karikaturen aus vorauseilendem Gehorsam gar nicht statt, weil es als Nestbeschmutzung aufgefaßt werden würde und den Unmut der Kollegen, die vielleicht einmal zu Auftraggebern werden, auf sich ziehen könnte?

Als zweite Frage soll in diesem Teil der Arbeit geklärt werden, ob es bestimmte ikonologische und/oder ikonografische Symbole gibt, die „dem“ Journalisten zugeordnet werden, wenn er karikiert wird. Dabei soll ein besonderes Augenmerk der Frage gelten, wie sich soziale und berufliche Weiterentwicklungen auf das Bild des Journalisten auswirken. Wie und wann ziehen also zum Beispiel, wenn überhaupt, neue Möglichkeiten der elektronischen Medien und des Internets in die karikaturi-stische Darstellung des Journalisten ein, und wie, wenn überhaupt, spiegelt sich eine Veränderung der Arbeitswelt durch zunehmende Spezialisierung, Pressekonzentration oder die derzeit hohe Arbeitslosenquote von Journalisten und Redakteuren in ihrer Darstellung wider? Und gehören Bleistift und Notizblock auch heute noch zu den optischen Attributen der Journalistendarstellung, obwohl längst digitale Aufnahme- und Übertragungsgeräte Einzug in die Alltagsarbeit gehalten haben?

Das Ergebnis einer ähnlichen Untersuchung ist bei Schneider zu finden, der das Bild des Unternehmers in der Karikatur in den Fokus seiner Betrachtungen stellt und resümiert: „Noch bemerkenswerter ist, daß das karikaturistische Unternehmerbild sowohl in der Gewerkschaftspresse wie auch in der Tagespresse und in der unternehmerfreundlichen Presse mit einem Kernarsenal an ikonographischen Kürzeln gezeichnet wird, das in sich wenig variiert.“ Zu diesen ikonografischen Kürzeln zählt Schneider unter anderem den dunklen Anzug oder Stresemann, die Zigarre im Ludwig-Erhard-Stil, das Einstecktuch, Zylinder (heute allerdings seltener), Melone oder dunkler Hut (wenn ohne Hut, dann Glatze oder Stirnglatze), Brille, meist mit dunklem Rand (früher Monokel oder Zwicker) und als Accessoire Tresor oder Geldsack, qualmende Schlote, Mercedes – und das auch noch in der Gegenwart, also in einer Zeit, in der vor allem junge Menschen nicht einmal mehr eine Vorstellung davon haben dürften, was ein Stresemann oder ein Zwicker ist.